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Es werden Posts vom Dezember, 2025 angezeigt.

Der Walkman zwischen uns

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Der Walkman war blau. Abgegriffen an den Kanten, der Schriftzug halb verschwunden. Maria trug ihn überall mit sich, auch wenn sie längst jede Sekunde der Kassette kannte. Sie saß auf der Schaukel hinter dem Plattenbau, Kopfhörer auf den Ohren, das Kabel unter der Jacke versteckt. Wenn sie die Augen schloss, war sie nicht mehr hier. Dann war sie wieder vierzehn, Sommer 1992, Jonas neben ihr auf der Bank. Ein Kopfhörer für sie. Einer für ihn. Zu nah, um nichts zu fühlen. Manchmal blieb das Band stehen. Dann klopfte Jonas leicht auf den Walkman, als könne man ihm Mut zusprechen. „Nicht jetzt“, sagte er dann. „Bitte nicht jetzt.“ Und irgendwie hatte es immer weitergespielt. Als Jonas wegzog, gab er ihr den Walkman. „Damit du mich nicht vergisst.“ Sie hatte genickt, weil Worte zu schwer waren. Jetzt, Jahre später, drückte sie auf Play. Das vertraute Klicken. Das leise Rauschen. Das Band klang müde. Genau wie sie. Plötzlich stoppte die Musik. Der Walkman summte noch, aber es kam kein Ton...

Das Münztelefon

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  Sie steht noch da. Ein wenig schief, das Glas zerkratzt, der Metallrahmen stumpf vom Regen all der Jahre. Eine Telefonzelle – heute nur noch ein Relikt. Für uns damals: die ganze Welt. Als wir Kinder waren, war diese Zelle kein Gegenstand. Sie war ein Versprechen. Ein Ort, an dem Münzen klirrten wie Hoffnung. Wo wir mit klammen Fingern die Nummern wählten, auswendig gelernt, weil es keine Kontakte gab, die man verlieren konnte – nur Menschen. Wir passten kaum hinein. Zwei, manchmal drei Kinder, Schulter an Schulter, beschlagene Scheiben, Gelächter, das zu laut war für den kleinen Raum. Einer hielt den Hörer, ein anderer die Münzen, als wären es Schätze. „Du darfst wählen!“ „Nein, du!“ Und draußen wartete die Welt geduldig. Ich erinnere mich an das Summen in der Leitung. An die Angst, dass niemand abhebt. Und an die Erleichterung, wenn eine vertraute Stimme sagte: „Hallo?“ Diese Zelle hörte alles. Unsere ersten Mutproben. Unsere heimlichen Anrufe. Die Tränen, die...

Kindheit hatte eine Uhrzeit

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Die Uhr war mehr als nur ein Zeitmesser. Sie war ein Versprechen – und eine Grenze. Diese Casio saß leicht am Handgelenk, das Plastikband ein wenig zu groß, aber genau richtig für ein Kind, das plötzlich Verantwortung trug. Wenn sie piepte, war das kein Ton, sondern ein Befehl. 19:45. Noch fünfzehn Minuten. Der Himmel wurde schon bläulich, die Straßenlaternen flackerten an, und irgendwo rief eine Mutter nach ihrem Sohn. „Wenn es dunkel wird, kommst du nach Hause.“ Wir wussten nicht genau, wann dunkel war. Also schauten wir auf die Uhr. Auf diese Uhr. Wir spielten Fußball zwischen parkenden Autos, Fahrräder lagen im Gras, Knie waren aufgeschürft, Hände dreckig. Die Zeit vergaß man – bis man sie plötzlich wieder spürte. Ein kurzer Blick aufs Handgelenk, das grünliche Leuchten der Anzeige im Schatten: 19:58 . Dann dieses Ziehen im Bauch. Jetzt aber. Der Heimweg war immer derselbe, aber nie gleich. Man lief schneller, wenn es wirklich schon dunkel war. Man hoffte, dass die Eltern n...