Kindheit hatte eine Uhrzeit



Die Uhr war mehr als nur ein Zeitmesser.

Sie war ein Versprechen – und eine Grenze.

Diese Casio saß leicht am Handgelenk, das Plastikband ein wenig zu groß, aber genau richtig für ein Kind, das plötzlich Verantwortung trug. Wenn sie piepte, war das kein Ton, sondern ein Befehl. 19:45. Noch fünfzehn Minuten. Der Himmel wurde schon bläulich, die Straßenlaternen flackerten an, und irgendwo rief eine Mutter nach ihrem Sohn.

„Wenn es dunkel wird, kommst du nach Hause.“

Wir wussten nicht genau, wann dunkel war. Also schauten wir auf die Uhr. Auf diese Uhr.

Wir spielten Fußball zwischen parkenden Autos, Fahrräder lagen im Gras, Knie waren aufgeschürft, Hände dreckig. Die Zeit vergaß man – bis man sie plötzlich wieder spürte. Ein kurzer Blick aufs Handgelenk, das grünliche Leuchten der Anzeige im Schatten: 19:58. Dann dieses Ziehen im Bauch. Jetzt aber.

Der Heimweg war immer derselbe, aber nie gleich. Man lief schneller, wenn es wirklich schon dunkel war. Man hoffte, dass die Eltern nicht genau auf die Minute achteten. Und manchmal, wenn man pünktlich war, fühlte es sich an wie ein kleiner Sieg.

Heute zeigt jede Tasche die Uhrzeit an. Aber keine davon fühlt sich so an.
Keine davon riecht nach Sommer, Asphalt und Freiheit.
Keine davon weiß noch, wie es war, als Zeit bedeutete, dass man draußen gewesen ist.

Und irgendwo, in einer Schublade, liegt vielleicht noch genau diese Casio.
Mit leerer Batterie.
Aber voller Erinnerungen.

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