Das Münztelefon

 

Sie steht noch da.
Ein wenig schief, das Glas zerkratzt, der Metallrahmen stumpf vom Regen all der Jahre.
Eine Telefonzelle – heute nur noch ein Relikt.
Für uns damals: die ganze Welt.

Als wir Kinder waren, war diese Zelle kein Gegenstand. Sie war ein Versprechen.
Ein Ort, an dem Münzen klirrten wie Hoffnung.
Wo wir mit klammen Fingern die Nummern wählten, auswendig gelernt, weil es keine Kontakte gab, die man verlieren konnte – nur Menschen.

Wir passten kaum hinein. Zwei, manchmal drei Kinder, Schulter an Schulter, beschlagene Scheiben, Gelächter, das zu laut war für den kleinen Raum. Einer hielt den Hörer, ein anderer die Münzen, als wären es Schätze.
„Du darfst wählen!“
„Nein, du!“
Und draußen wartete die Welt geduldig.

Ich erinnere mich an das Summen in der Leitung.
An die Angst, dass niemand abhebt.
Und an die Erleichterung, wenn eine vertraute Stimme sagte:
„Hallo?“

Diese Zelle hörte alles.
Unsere ersten Mutproben.
Unsere heimlichen Anrufe.
Die Tränen, die wir schnell wegwischten, weil man nicht wollte, dass jemand draußen sie sieht.
Sie war Beichtstuhl, Rettungsanker, Zeitmaschine.

Heute laufen wir vorbei, das Handy fest in der Hand, immer erreichbar – und doch so selten wirklich verbunden.
Kein Warten mehr.
Kein Zittern.
Kein Mut, den man sammeln muss, bevor man anruft.

Die Telefonzelle steht noch da, aber sie spricht nicht mehr mit uns.
Vielleicht wartet sie.
Auf eine Münze.
Oder auf jemanden, der sich erinnert.

Manchmal bleibe ich stehen, schaue hinein und sehe uns wieder:
Kinder mit großen Herzen, kleinen Sorgen und einer Welt, die noch in einen Telefonhörer passte.

Und für einen Moment tut es weh.
Weil wir nicht nur die Telefonzellen verloren haben –
sondern ein Stück von dem, was wir einmal waren.

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