Der Walkman zwischen uns



Der Walkman war blau. Abgegriffen an den Kanten, der Schriftzug halb verschwunden. Maria trug ihn überall mit sich, auch wenn sie längst jede Sekunde der Kassette kannte.

Sie saß auf der Schaukel hinter dem Plattenbau, Kopfhörer auf den Ohren, das Kabel unter der Jacke versteckt. Wenn sie die Augen schloss, war sie nicht mehr hier. Dann war sie wieder vierzehn, Sommer 1992, Jonas neben ihr auf der Bank.

Ein Kopfhörer für sie. Einer für ihn.
Zu nah, um nichts zu fühlen.

Manchmal blieb das Band stehen. Dann klopfte Jonas leicht auf den Walkman, als könne man ihm Mut zusprechen. „Nicht jetzt“, sagte er dann. „Bitte nicht jetzt.“ Und irgendwie hatte es immer weitergespielt.

Als Jonas wegzog, gab er ihr den Walkman. „Damit du mich nicht vergisst.“
Sie hatte genickt, weil Worte zu schwer waren.

Jetzt, Jahre später, drückte sie auf Play.
Das vertraute Klicken.
Das leise Rauschen.

Das Band klang müde. Genau wie sie.

Plötzlich stoppte die Musik. Der Walkman summte noch, aber es kam kein Ton mehr. Maria nahm die Kassette heraus. Das Band hatte sich verheddert. Dünn, zerbrechlich, fast unsichtbar.

Sie wickelte es vorsichtig mit dem Finger zurück. Langsam. Behutsam. So, als würde sie die Zeit selbst reparieren wollen.

Als sie die Kassette wieder einlegte, spielte die Musik weiter. Nicht perfekt. Aber echt.

Maria lächelte.
Manches geht kaputt in den 90ern.
Aber manches bleibt. Solange man zuhört.

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